Konsortium um Göttinger Bodenökologen erhält 2,7 Mio EUR zur Erforschung agroforstlicher Anbausysteme im BMBF-Förderprogramm BonaRes (Boden als nachhaltige Ressource für die Bioökonomie)

Unter agroforstlichen Anbausystemen versteht man die zielgerichtete Bewirtschaftung von Bäumen und Sträuchern auf Ackerflächen oder Weideland.

Diese Form der quasi „mehrschichtigen“ oder multifunktionalen Landnutzung mit Bäumen auf landwirtschaftlichen Flächen ist in unterschiedlichsten Ausprägungen in nahezu allen Teilen der Welt weit verbreitet, so z.B. in Form von so genannten „Homegardens“ in den Tropen, als Dehesas oder Montados auf der iberischen Halbinsel. In unseren Breiten gelten die Streuobstwiesen in Süddeutschland, aber auch die „Knicks“ in Norddeutschland als klassische Vertreter eines agroforstlichen Wirtschaftens.

Dabei gelten Agroforstsysteme sowohl aus ökonomischer als auch aus ökologischer Sicht als besonders attraktiv. Unter einem standortangepassten Management kann es zu einer effektiveren Ausnutzung der vorhandenen Ressourcen (Licht, Wasser, Nährstoffe) und damit letztendlich, im Vergleich zu entsprechenden Monokulturen und ohne Steigerung des Inputs an Dünger, Pestiziden oder Maschineneinsatz, zu erhöhten Nettoerträgen kommen. Gleichzeitig können Agroforstsysteme maßgeblich zum Erhalt bzw. zur Verbesserung vieler ökologischer aber vor allem auch sozio-ökonomischer Belange in der jeweiligen Anbauregion beitragen.

Eine moderne Agroforstwirtschaft, ausgestattet mit neuen und systematisch gegliederten Ansätzen und Anbauformen sowie begleitet durch zahlreiche wissenschaftliche und praktische Forschungs- und Umsetzungsvorhaben wird bereits seit ca. 30 Jahren in den temperaten Klimabereichen Nordamerikas, Kanadas oder Großbritanniens betrieben und zunehmend gefördert.

Im mediterranen Bereich gilt insbesondere Frankreich als Vorreiter einer modernen Agroforstwirtschaft. Hier, aber auch für Versuchsfelder in Großbritannien oder Italien wurde nachgewiesen, dass die so genannte „Land Equivalent Ratio“, als das ökonomische Maß, bei dem Agroforstsysteme mit den entsprechenden Monokulturen verglichen werden, für Agroforstsysteme einen bis zu 40 % erhöhten Ertrag ausweisen kann. Praktisch bedeutet dies, dass unter einer agroforstlichen Bewirtschaftung bis zu 40 % weniger Landfläche gebraucht wird, um die gleiche Menge an Naturalgütern zu erzeugen.

Zudem sind agroforstwirtschaftliche Maßnahmen zwischenzeitlich in vielen internationalen Programmen und Zielvorgaben anerkannt als integraler Bestandteil der Ernährungs- und Rohstoffsicherheit in einer Welt unvorhersehbarer Ereignisse, bedingt durch den Klimawandel und den absehbaren Mangel an fossilen Brennstoffen.

In unseren Breiten gelten Agroforstsysteme mit Kurzumtriebsplantagen (KUP) als besonders attraktiv. Dabei versteht man unter KUP den Anbau von schnellwachsenden Bäumen wie Pappeln, Weiden oder auch Robinie zur Nachlieferung holziger Biomasse für die thermische (Hackschnitzel, Pellets) und stoffliche Verwertung (Holzverbundwerkstoffe). Als Bestandteil von Agroforstsystemen können KUP zusätzlich eine Reihe von Funktionalitäten liefern, die in der heutigen Landwirtschaft z.T. dringend benötigt werden. KUP zeichnen sich aus durch eine extensive Bewirtschaftungsform (i.d.R. keine Düngung, kein Pestizideinsatz). Auf überdüngten Standorten können KUP zur signifikanten Minderung der Nitratausträge und zur Reduktion von Erosion beitragen. In der Kombination mit einer klassischen landwirtschaftlichen Nutzung wie z.B. in Streifen an Gewässern oder in ausgeräumten Landschaften können KUP als Landschaftselement mit spezifischen Funktionen eingesetzt werden (Windschutz, Schattenspende, Wasser- und Erosionsschutz). Über das tiefgreifende und dauerhafte Wurzelsystem und die Blattstreu der Bäume kann zusätzlich Kohlenstoff dauerhaft im Boden gespeichert und Nährstoffe können im Kreislauf des Ökosystems gehalten werden.

Mögliche Nachteile solcher Systeme sind ein oftmals erhöhter Wasserverbrauch von Bäumen gegenüber landwirtschaftlichen Kulturen, was in eher trockenen Regionen zur Reduktion der Grundwasserneubildung führen kann, eine unerwünscht hohe Beschattung von lichtbedürftigen Ackerkulturen, was Ertragseinbußen in der unmittelbaren Nachbarschaft der KUP-Streifen zur Folge haben kann, sowie die durch das mehrjährige Baumwachstum vorgegebene längerfristige Bindung der Bewirtschafter an eine spezielle Kultur.

In Deutschland existieren zu Versuchszwecken bereits seit einigen Jahren Agroforstflächen mit KUP (u.a. Thüringer Ackerebene, Rekultivierungsgebiet Lausitz, Region Braunschweig und Göttingen), wobei es bisher an einer systematisch vergleichbaren und längerfristigen Auswertung mit Blick auf die Ressource Boden mangelt.

Hier setzt das im Förderprogramm BonaRes des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) nunmehr bewilligte Projekt SIGNAL (Sustainable intensification of agriculture through agroforestry) an. Über einen zunächst bewilligten Förderzeitraum von 3 Jahren und dem Ausblick auf 6 weitere Förderjahre wird das aus 8 Teilprojekten bestehende Projekt SIGNAL an 4 Acker- und 3 Grünlandstandorten im Nord-Ostdeutschen Raum systematisch die Auswirkungen von KUP-Streifen auf die bodenökologischen Eigenschaften untersuchen. Beteiligt sind dabei die Universität Göttingen mit den Abteilungen Ökopedologie der Tropen und Subtropen (inhaltliche Koordination) sowie der Ökopedologie der gemäßigten Zonen, Bioklimatologie, Graslandwissenschaften, Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, die Universität Kassel / Witzenhausen mit den Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften sowie Bodenbiologie und Pflanzenernährung, das Julius Kühn-Institut Braunschweig, die Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft TLL Jena, die BTU Cottbus – Senftenberg mit dem Lehrstuhl Bodenschutz und Rekultivierung sowie das Helmholtz Zentrum München mit dem Institut für Bodenökologie.

Die administrative Koordination liegt in den Händen der Sektion Waldökosystemforschung des Zentrums für Biodiversität und Nachhaltige Landnutzung (CBL) der Universität Göttingen.